Im Gästebuch des Wiener Hotel Imperial finden sich Namen wie John F. Kennedy, Liz Taylor, Kaiser Akihito und Plácido Domingo. Der Concierge des beeindruckenden Palais gibt sich dennoch sympathisch bescheiden…

Foyer des Wiener Hotel Imperial, an einem gewöhnlichen Freitag Nachmittag. Man stellt Michael Moser, dem illustren Concierge, ein paar Fragen nach den wichtigen Menschen, die heute anzutreffen sind, als ein dunkelhaariger Mann seinen Schlüssel verlangt: Josef Ackermann. Moser, der schon den japanischen Kaiser, Bill Clinton und Lady Gaga im Foyer begrüßte, beeindrucken solche Geldmenschen wenig. Sein Herz schlägt für die klassische Musik, deshalb lautet seine Antwort darauf, wer gerade im Haus sei, nicht Ackermann, sondern Barenboim. Und klar, Moser kennt Barenboim, oder besser: Daniel Barenboim kennt Michael Moser, denn meistens wollen die prominenten Dirigenten eher etwas von ihm als andersherum, und wenn es nur ein kleiner Plausch nach einem späten Konzert ist.

Stephansdom Wien
Foto: Wientourismus / Peter Rigaud

Man könnte auch sagen: Moser, der Seelsorger der hektisch umherreisenden Künstler. Warum so gut wie alle großen Dirigenten im einstigen Wohnhaus des Erzherzogs Philipp von Württemberg absteigen, mag zum einen am wunderschönen Ambiente des barocken Gebäudes liegen. Der entscheidendere Faktor aber, das würde auch der Direktor zugeben, ist die Lage. Wenn man auf der Rückseite das Hotel verlässt, stolpert man quasi in den Bühneneingang des Wiener Musikvereins, der Kathedrale der klassischen Musik. Moser verarztet noch kurz einen weiteren Gast, der nicht nur aussieht wie der Dirigent Christoph Eschenbach, sondern es auch ist, und bittet in den „Meetingraum“ im edlen Café, der bei Musikinsidern als Mannschaftsheim der klassischen Musik gilt. Wer einmal neben Barenboim, Rattle oder Muti seine Melange genießen will, der bucht sich an einem Sonntag Morgen einen Tisch rechts neben dem Eingang. Um 10.25 Uhr, 35 Minuten vor Beginn der weltberühmten Matinee des Musikvereins, versammelt sich links allwöchentlich die Hautevolee der „Wiener ­Klassik“ zum gemeinsamen Frühstück. Intendanten, Dirigenten, Sponsoren, Politiker, Adelige und erste Geiger. Wir sitzen jetzt an diesem ehrenwerten Tisch, an den Wänden hängen Bilder des Künstlers Moritz von Schwind. Die Matinee sei noch immer die „Schlossallee“ unter den Wiener Konzerten, auf ein Abo warte man über zehn Jahre und die Bestechungsversuche zahlreicher Bewohner seien alle zwecklos geblieben. Der Musikverein scheint in Österreich eine der wenigen Vereinigungen zu sein, die nicht im grauen Dunst der Mauschelei unterzugehen drohen. „Ja, schön, nicht“, grinst Moser, der ursprünglich aus Kärnten stammt und sich an einem Freitag Abend gerne auf einem günstigen Stehplatz eine Aufführung an der Staatsoper gönnt. Moment: Der Herr aller VIP-Tickets und Freund aller klassischen Musikstars leistet sich nur einen Stehplatz? „Ich kann doch nicht vor meinen Gästen sitzen, geh, wie sieht das denn aus? Ich bin ja nur der Concierge hier.“ Dabei könnte er, wenn er wollte, wahrscheinlich einen Platz im Orchestergraben bekommen.

Musikverein Wien
Foto: Wientourismus

Riccardo Muti kam nach dem traditionellen Neujahrskonzert 2004 ins Hotel zurück und suchte seinen Lieblingsconcierge, um ihm zur Feier des Tages seinen Dirigentenstab zu schenken. „So was freut einen natürlich schon“, sagt Moser. Aus seiner Jackentasche kramt er noch eine Ansichtskarte hervor, die ihm Carlos Kleiber einst sandte. Was auffällt, ist nicht die Tatsache, dass der Inhalt eher spartanisch ist, sondern Kleibers kindliche Schrift.

Und wohin gehen sie in Wien zum Dinner, die hohen Herren, will man wissen, aber Moser winkt ab. „Die Dirigenten, die sieht man auf einen Drink in der Hotelbar oder sie müssen zu einem organisierten Empfang danach. Meist bestellen sie den Room Service, wenn sie einmal einen Abend freihaben.“ Und die anderen Gäste? „Ach“, sagt Moser, „da ist es ja dann auch schon spät. Wissens, das ist irgendwie ziemlich gleich geblieben in den vergangenen Jahren: Die Leute wollen etwas, das um die Ecke liegt.“ Oder sie bleiben einfach dem Pianospieler der Imperial Bar treu und warten, bis die Meute sich gegen elf um die wenigen Sessel streitet, das Glas Champagner für 19 Euro zwar, manchmal aber neben einem echten Muti.