Festspiel-Guide

Historisch, Lebendig, Neu!

Innsbrucker Festwochen

Mit der 42. Ausgabe der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik verwandelt sich die Stadt in diesem Sommer erneut in ein echtes Paradies für Liebhaber der historischen Aufführungspraxis.

Unter dem Motto „Bewegte Welten“ haben die Festival-Macher unter der künstlerischen Leitung des Intendanten Alessandro De Marchi ein Programm gestaltet, das in der Zeit vom 17. Juli bis 27. August 2018 inhaltlich und musikalisch alle Vorzüge der Alte Musik-Szene formvollendet zur Geltung bringt. In diesem Jahr nehmen die Konzerte und Opern sowohl berühmte Instrumentenbauer, außergewöhnliche Künstler und legendäre Komponisten als auch die Götter und Helden alter Mythen in den Fokus. Mit Musik aus fünf Jahrhunderten entsteht ein kreatives Spannungsfeld, das im Angesicht des Originalklangs für viele musikalische Neuentdeckungen sorgt.

Der Tiroler Instrumentenbauer Jacobus Stainer wurde vor etwa 400 Jahren geboren und sein Einfluss ist bis heute spürbar. Lange Zeit waren seine Streichinstrumente begehrter als Stradivaris Schöpfungen, unter anderem Johann Sebastian Bach und Arcangelo Corelli besaßen Geigen aus seiner Werkstatt. Anlass genug, um Jacobus Stainer im stimmungsvollen Ambiente von Schloss Ambras und der Kaiserlichen Hofburg in diesem Jahr einmal musikalisch den Teppich auszurollen. Unter dem Titel „Das goldene Zeitalter“ zelebriert das Schweizer casalQuartett ein ganzes Konzertprogramm auf Stainer-Instrumentarium. Mit der Multiinstrumentalistin Anna Fusek, dem Ensemble Armoniosa, der Accademia Ottoboni, der Barockgeigerin Leila Schayegh und dem Ensemble Daedalus präsentieren die Festwochen darüber hinaus eine Fülle exzellenter Solisten und Ensembles, die sich in Sachen Originalklang einen Namen gemacht haben. Mit dem Eröffnungskonzert auf Schloss Ambras erinnern die Barockflötisten Barthold Kuijken und Linde Brunmayr-Tutz zudem an den 2017 verstorbenen Innsbrucker Instrumentenbauer Rudolf Tutz, der das Meisterhandwerk bis ins 21. Jahrhundert nach alter Tradition fortgeführt hat.

Lautenist Eduardo Egüez mit Luis Rigou und Barbara Kusa

Foto: Philippe Matsas

Auch die vielschichtige Welt der Sakralmusik wird im Laufe der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Im Dom zu St. Jakob steht unter der Leitung des Intendanten Alessandro De Marchi das Oratorium Davidis pugna et victoria von Alessandro Scarlatti auf dem Programm, das durch seine große Chor- und Orchesterbesetzung und die Solisten Arianna Vendittelli und Luigi De Donato in den Rollen von David und Goliath beeindruckt. Darüber hinaus tritt der Schweizer Dirigent und Barockmusikspezialist Diego Fasolis gemeinsam mit dem Coro della Radiotelevisione Svizzera in der Stiftskirche Stams auf, um eine Messe von Palestrina aufzuführen. Und im sogenannten „Open Mind“-Konzert bringen der Lautenist Eduardo Egüez und das Ensemble La Chimera die argentinischen Klänge der Misa Criolla von Ariel Ramírez und Kompositionen der Alte Musik-Szene Südamerikas in der Jesuitenkirche auf die Bühne.

Als Dirigent und Cembalist ist Alessandro De Marchi selbst ein angesehener Spezialist in Sachen Originalklang und lässt seinen reichen Erfahrungsschatz beherzt in die Gestaltung der Innsbrucker Festwochen einfließen. Im Rahmen des Festivals, dessen Leitung er 2010 als Nachfolger des belgischen Dirigenten René Jacobs übernommen hat, hat er unter anderem den internationalen Pietro Antonio Cesti-Wettbewerb für Barockoper ins Leben gerufen, der Nachwuchssängern die Gelegenheit gibt, sich auf der Bühne zu messen. Überhaupt steht der Sommer 2018 in Innsbruck musikalisch ganz im Zeichen einer ambitionierten und erfolgreichen neuen Künstlergeneration, die sich ganz der intensiven Auseinandersetzung mit Alter Musik verschrieben hat. Wenn die ungarische Sopranistin Emöke Baráth im Spanischen Saal mit Kantaten von Giacomo Carissimi, Pietro Antonio Cesti und Alessandro Scarlatti Arien aus dem Traumland Arkadien singt, die französische Mezzosopranistin Lea Desandre gemeinsam mit dem Ensemble Jupiter im prachtvollen Riesensaal der Hofburg auftritt oder Suzanne Jerosme und Eric Jurenas die Nikolauskapelle mit den barocken Klängen traurig-schöner Lieder füllen, dann verbindet sich die Musikgeschichte ganz unmittelbar mit dem Hier und Jetzt.

Neben den vielseitigen konzertanten Erlebniswelten der Festwochen stehen deshalb auch drei (halb-)szenische Highlights auf dem Programm: Die venezianische Barockoper Gli amori d’Apollo e di Dafne von Francesco Cavalli gibt in einer faszinierenden Schattentheater-Inszenierung von Alessandra Premoli im Rahmen des Projekts „Barockoper:Jung“ den Teilnehmern des Cesti-Wettbewerbs von 2017 die Gelegenheit, ihr Können erneut unter Beweis zu stellen. Die Hamburger Sopranistin Sara-Maria Saalmann überzeugte bereits 2014 in der Festwochen-Oper Almira. In diesem Jahr übernimmt sie die Rolle der Dafne.

Alessandro De Marchi

Foto: Hastenteufel

Georg Quander hat für die Festwochen eine halbszenische Produktion der neapolitanischen Serenata La Semele o sia la richiesta fatale von Johann Adolf Hasse kreiert, in der die Sänger in Kostüme schlüpfen, aber in der auf ein Bühnenbild verzichtet wird. So kann man sich vollkommen auf die strahlend schönen Stimmen der drei jungen Frauen konzentrieren, die in den Hauptrollen die Handlung zum Leben erwecken. Neben der italienischen Sopranistin Francesca Aspromonte werden Roberta Invernizzi und Sonia Prina auf der Bühne stehen.

Mit der Inszenierung der romantischen Belcanto-Oper Didone abbandonata von Saverio Mercadante bezieht Alessandro De Marchi in diesem Jahr zum ersten Mal auch das 19. Jahrhundert ein. Jürgen Flimm ist der Regisseur dieser Produktion, in der man die junge litauische Sopranistin Viktorija Miškūnaitė als Dido und die österreichische Mezzosopranistin Katrin Wundsam als Aeneas erleben kann. Die Inszenierung markiert zweifellos den Gipfel der diesjährigen Festwochen.

Hinter den Kulissen der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik tummelt sich ein engagiertes und versiertes Team, das jedes Detail mit Herzblut plant und sich zum Ziel gesetzt hat, die Alte Musik immer wieder neu zu entdecken. Der musikalische Tatendrang soll dabei auch auf das Publikum überspringen, das sich auf viele spannende Hörerlebnisse an außergewöhnlichen Orten freuen darf, denn die Konzerte finden nicht nur in den historischen Sälen und Kirchen der Stadt, sondern überall in den Parks, Straßen und auf öffentlichen Plätzen statt – einen Tag lang erklingt die barocke Musik sogar in der Nostalgiebahn der Innsbrucker Verkehrsbetriebe.

 

Eintrag_Einzel